Ein Mann sitzt nachts am Fenster und schaut in seinen Laptop.

Zehn Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind arbeitssüchtig. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung von Wissenschafler*innen des Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und der TU Braunschweig, die von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Arbeitssüchtige zeigen auffällig viele gesundheitliche Probleme, wie Erschöpfung, Schlafstörungen oder Rückenschmerzen. Diese stehen mit einem erhöhten Risiko für Burn-out und Depressionen in Zusammenhang. Mehr als 8.000 Menschen wurden für die Untersuchung befragt – über die Ergebnisse sprechen wir mit der Arbeitsforscherin Beatrice van Berk, einer Mitautorin der Studie.

Frau van Berk, nicht alle, die viel arbeiten, sind arbeitssüchtig. Wo liegt der entscheidende Unterschied?

In der Studie definieren wir suchthaftes Arbeiten anhand zweier Kriterien: exzessives und zwanghaftes Arbeiten. Exzessiv heißt, sehr viel zu arbeiten, viel gleichzeitig zu machen, häufig im Wettlauf mit der Zeit. Suchthaft bedeutet, zugleich auch zwanghaft zu arbeiten – keinen Spaß zu haben, sich aber trotzdem getrieben zu fühlen. Man kann nicht gut entspannen und hat ein schlechtes Gewissen, wenn man sich freinimmt.

Nur viel zu arbeiten ist also nicht so schlimm?

Wir alle brauchen Pausen von der Arbeit, freie Wochenenden und regelmäßig Urlaub, um den Kopf freizubekommen. Das ist breit belegt. Exzessives Arbeiten ist an sich problematisch. Aber das allein ist nicht immer mit negativen gesundheitlichen Folgen verbunden. Die Einstellung zum eigenen Arbeitsverhalten ist entscheidend. Es gibt Menschen, die gerne viel arbeiten. Sie ziehen Inspiration und Energie daraus. Das nennen wir work engagement, also Arbeitsengagement.

 

Nicht alle schaffen es, aus ihrer Arbeit Energie zu ziehen. Oft suchen wir uns die Arbeitsbedingungen ja nicht aus.

 

Kann das eine auch zum anderen führen? Dass sich aus großem Engagement eine Sucht entwickelt?

Da gibt es Überschneidungen, aber es wechselt auch oft im Laufe des Lebens. Es gibt Indizien dafür, dass manche Menschen in einer Phase ihres Lebens stark suchthaft arbeiten, auch mit starken gesundheitlichen Folgen, und sich das in den späteren Jahren wieder einpendelt. Insgesamt wissen wir aus vielen Studien, dass Arbeitsengagement die negativen Aspekte des exzessiven Arbeitens ein bisschen abfedert. Menschen, die aus ihrer Arbeit Energie ziehen, haben ein geringeres Risiko für Burn-out. Aber nicht alle schaffen das. Oft suchen wir uns die Arbeitsbedingungen ja nicht aus.

Die Studie „Suchthaftes Arbeiten und Gesundheit“ unterteilt die Befragten in vier Gruppen:

  1. suchthaft Arbeitende, die sowohl exzessiv als auch zwanghaft arbeiten (10 %)
  2. exzessiv Arbeitende, die zwar exzessiv, aber nicht zwanghaft arbeiten (33 %)
  3. zwanghaft Arbeitende, die zwar zwanghaft, aber nicht exzessiv arbeiten (2 %)
  4. gelassen Arbeitende, die weder exzessiv noch zwanghaft arbeiten (55 %)

Woran erkenne ich, ob ich arbeitssüchtig bin?

Ich würde mich fragen, ob ich noch Distanz zur Arbeit gewinnen und ohne schlechtes Gewissen entspannen kann. Wenn ich es nicht schaffe und es mir gesundheitlich nicht gut geht, muss ich was machen – bei starken Beschwerden zum Arzt gehen, Überstunden abbauen und einen längeren Urlaub machen oder eben kritisch hinterfragen, ob der Job und die Arbeitsbedingungen auf Dauer wirklich gut für mich sind.

Eine Frau liegt schlafend mit ihrem Laptop auf dem Bett.
Schlafstörungen, Nervosität oder ständige Müdigkeit: Arbeitssucht beeinträchtigt unsere psychische Gesundheit. © Johnér / EyeEm

Sie haben gerade schon über die Beschwerden gesprochen. Außer Müdigkeit und Erschöpfung: Mit welchen Folgen können Workaholics auf Dauer rechnen?

Das reicht von Schlafstörungen, Rücken- und Nackenschmerzen, über Verdauungsbeschwerden zu Schwindelgefühlen und Herzschmerzen. Die Beschwerden treten nicht nur einzeln auf, sondern oft in Kombination. 54 % der suchthaft Arbeitenden leiden an vier oder mehr psychosomatischen Beschwerden. Zum Vergleich: Bei den gelassen Arbeitenden sind es 25 %. Suchthaftes Arbeiten steht in einem deutlichen Zusammenhang mit einer schlechten Gesundheit.

Ist Sucht nicht generell eine Persönlichkeitsfrage?

Vor 20, 30 Jahren wurde der Begriff der Suchtpersönlichkeit geprägt, den wir heute nicht mehr nutzen würden. Tatsächlich hängen Persönlichkeitsmerkmale wie hohe Gewissenhaftigkeit oder Perfektionismus zusammen mit suchthaftem Arbeiten. Das ist gut erforscht. Aber es gibt eben auch andere Ursachen. Betriebsmerkmale spielen eine große Rolle, wie auch unsere Studie zeigt. In Betrieben ohne Mitbestimmung kommt die Arbeitssucht zum Beispiel häufiger vor als in Unternehmen, wo Beschäftigte viel mitgestalten können.

Ihre Studie hat auch gezeigt: Selbstständige sind besonders anfällig für Arbeitssucht – und überraschenderweise Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Bis auf die Berufsgruppe der Landwirt*innen ist der Zusammenhang mit bestimmten Berufen tatsächlich schwächer, als wir vermutet haben. Die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sind ja grundsätzlich anders: Arbeits- und Lebensort fallen da häufig zusammen. Zugleich tragen die Menschen eine hohe Verantwortung für lebendige Wesen.

In welchen Berufen gibt’s die meisten Arbeitssüchtigen?

Mit 6 % ist der Berufsbereich Informatik, Naturwissenschaft und Geografie am wenigsten von Arbeitssucht betroffen. Menschen in Land-, Forst-, Tierwirtschaft und Gartenbau neigen mit 19 % am häufigsten zu suchthaftem Arbeiten. In weiteren Berufsgruppen liegen die Werte zwischen 8 und 11 %.
Verantwortung ist ein Faktor: 12,4 % der Führungskräfte sind arbeitssüchtig, bei Menschen ohne Führungsverantwortung liegt die Zahl bei nur 8,7 %. Unter Selbstständigen liegt die Workaholic-Quote bei 13,9 %.

Die gute Nachricht ist: Im Alter arbeiten weniger Menschen suchthaft. Warum eigentlich?

Das stimmt: Es ist gut belegt, dass die Tendenz, suchthaft zu arbeiten mit dem Alter sinkt. Was den Grund angeht, gibt es verschiedene Vermutungen: Es könnte sein, dass im Laufe des Lebens andere Lebensbereiche wie die Familiengründung wichtiger werden. Sobald bestimmte Karriereziele erreicht werden, hat man es geschafft und kann sich etwas entspannen. Eine weitere in der Literatur genannte Begründung fand ich relativ traurig und alarmierend, aber sie klingt plausibel: Nämlich, dass suchthaft Arbeitende ab einem gewissen Punkt nicht mehr arbeiten können, weil sie gesundheitlich eingeschränkt sind, in Frührente gehen – oder sogar sterben.

 

Home-Office kann suchthaftes Arbeiten begünstigen.

 

Kann Home-Office zur Arbeitssucht beitragen?

Das ist bisher eine Forschungslücke. Zum Thema Home-Office erscheint Ende des Jahres ein Artikel von uns. Ich kann schon mal einen Satz dazu sagen: Wir zeigen, dass Home-Office suchthaftes Arbeiten begünstigt. Aber vor allem, wenn Home-Office nicht reguliert ist. Wenn es Betriebsvereinbarungen zum Home-Office gibt, ist das Risiko etwas geringer. Das passt auch zu unseren Befunden: Je kleiner der Betrieb, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass dort suchthaft gearbeitet wird. Unsere Hypothese: In kleinen Betrieben ist der Regulierungsdruck nicht so hoch.

Spielt die Führung da nicht auch eine wichtige Rolle?

Ein paar Studien zeigen: Das Risiko sinkt, wenn die Führungskraft ansprechbar ist und man mit ihr offen über die Probleme sprechen kann. Das nennen wir soziale Unterstützung. Wenn die Führungskraft selbst suchthaft arbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass andere im Team eine ähnliche Einstellung haben.

Was im Falle der Führungskräfte ja oft zutrifft: Unter ihnen sind laut Ihrer Studie häufiger Workaholics zu finden.

Ja, Führungskräfte sind etwas stärker betroffen, aber nicht wesentlich. Das Phänomen der Arbeitssucht wird noch oft als Managerkrankheit bezeichnet. Die Daten sagen etwas anderes: Suchthaftes Arbeiten ist kein Randphänomen. Es betrifft die gesamte Gesellschaft.

Was du gegen Arbeitssucht tun kannst:

  • Dokumentier deine Arbeitszeiten, um das Ausmaß deines Problems zu erfassen.
  • Bitte deine*n Partner*in oder Freund*innen, dich darauf anzusprechen, wenn du zu viel arbeitest.
  • Achte auch darauf, regelmäßig Pausen zu machen – und zwar wirklich weg vom Schreibtisch. Apps wie Flow oder Pomodoro Timer können helfen.
  • Setz dir feste Arbeitszeiten. Nach Feierabend schaltest du am besten das Firmenhandy und alle beruflichen Kanäle aus.
  • Auch To-do-Limits können helfen: Leg z. B. die drei wichtigsten Aufgaben für den Tag fest – danach ist Schluss mit der Arbeit.
  • Verabrede dich nach Feierabend mit Freund*innen: Soziale Kontakte sind wichtig, um sich zu erholen und gedanklich von der Arbeit wegzukommen.
  • Geh öfter an die frische Luft oder treib Sport, der dir Spaß macht: Das setzt Endorphine frei, hilft zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen.
  • Definier deine Leistung nicht über die Zeit, die du mit der Arbeit verbringst.
    Sag öfter Nein und lern, Grenzen zu setzen.
  • Wenn du zu viele Aufgaben managen musst, bitte deine Vorgesetzten um Entlastung – damit zeigst du nicht etwa Schwäche, sondern Verantwortung.
  • Setz die richtigen Prioritäten: Ist es wirklich wichtig, dass jede noch so kleine Aufgabe perfekt ausgeführt wird?
  • Hilft alles nicht weiter, solltest du ärztliche Hilfe suchen. Neben Beratungsstellen oder den Anonymen Arbeitssüchtigen kann auch eine Verhaltenstherapie helfen.

Beatrice van Berk

Beatrice van Berk ist Sozialwissenschaftlerin, Arbeitssoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Berufsbildung. Ihre Forschungsthemen sind suchthaftes Arbeiten, Care-Arbeitszeit und Digitalisierung in der Arbeitsweit. Seit 2021 promoviert sie an der Universität Hamburg zum Thema suchthaftes Arbeiten – und hört in ihrem Freundeskreis seitdem oft den Satz: „Pass auf dich auf, nicht, dass du selbst reinrutschst.“

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