Die Diagnose „Burnout“ betrifft immer mehr Menschen. Doch was steckt eigentlich hinter dem Krankheitsbild und wie kannst du einen Burnout selbst erkennen und verhindern? In unserem Interview mit Dr. Hanne Horvath, Psychologin und Co-Gründerin der Online-Therapie-Plattform HelloBetter, lernst du, wie du deine mentale Gesundheit stärkst und erhälst praktische Tipps zum Thema Burnout-Prävention.
Nick Marten: Hanne, du bist Co-Gründerin eines Unternehmens, das Online-Kurse gegen Stress und Burnout anbietet und als Expertin zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz sehr gefragt. Wie hast du persönlich gelernt, mit Stress umzugehen?
Dr. Hanne Horvath: Ehrlich gesagt lerne ich es immer noch. Mir fällt es schwer, mich zu entspannen, mich auch am Wochenende von der Arbeit abzugrenzen. Es gelingt mir zwar zunehmend besser, was aber nicht immer einfach ist. Akut gestresst bin ich mehrmals am Tag, das ist ganz normal. Wenn es ein Dauerzustand ist, führt es zu Burnout. Da war ich ein paar Mal ganz schön knapp dran. Was mir hilft, ist Sport zu machen, Zeit mit meinen Kindern verbringen, aber eben auch, Zeit für mich zu haben. Ich lese zum Beispiel mehr als früher, als ich noch keine Kinder hatte, manchmal indem ich abends einfach länger aufbleibe, oder indem ich Zugfahrten nicht zum Arbeiten, sondern für mich selbst nutze.
Nick Marten: Woran erkenne ich, dass ich von einem Burnout betroffen bin? Was sind Anzeichen und Symptome für einen Burnout?
Dr. Hanne Horvath: Der ganze Körper befindet sich beim Burnout im Dauerstress. Körperliche Symptome können ein geschwächtes Immunsystem, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und Muskelverspannungen sein. Psychische Beschwerden umfassen enorme Selbstzweifel, eine gesteigerte Reizbarkeit, Angstzustände bis hin zu Panik, Konzentrationsschwierigkeiten und Gefühle von Wertlosigkeit.
- Dr. Hanne Horvath, PsychologinAußerdem werden Betroffene oft zynisch. Sie versuchen sich von ihrer Arbeit und den Aufgaben durch Spott und abwertende Kommentare zu distanzieren.
Auffällig ist auch, dass sich die Leistungsfähigkeit durch den Dauerstress und die immer größer werdende Erschöpfung verringert. Viele versuchen das mit noch mehr Anstrengung und weiteren Überstunden auszugleichen. Nur führt das zu nichts, nur in die totale Erschöpfung.
Nick Marten: Was können und sollten Menschen tun, die vom Burnout betroffen sind?
Dr. Hanne Horvath: Es hilft genau das Gegenteil: Die eigene Belastung anerkennen und weniger von allem machen. Genau das ist aber für die Betroffenen so schwer, es fühlt sich wie ein Versagen an. Ich empfehle das sehr ernst zu nehmen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Das kann eine klassische Therapie sein oder ein therapeutischer Online-Kurs, wie wir ihn bei HelloBetter anbieten.
Nick Marten: Wie gehe ich gegenüber meinem Arbeitgeber mit meiner Erschöpfung und der Überlastung um?
Dr. Hanne Horvath: Falls die Kraft es zulässt, ist es am besten mit dem Vorgesetzten oder der Personalabteilung über die Überlastung zu sprechen und um sofortige Entlastung bitten. Das ist das Wichtigste in dieser Situation: Kein „weiter so“.
- Dr. Hanne Horvath, PsychologinDenn ein unbehandelter Burnout kann zu schweren Depressionen, körperlichen Leiden und zur Abhängigkeit von Suchtmitteln führen. Das klingt jetzt brandgefährlich und das ist beabsichtigt. Burnout ist ein Notruf von Seele und Körper, der gehört werden möchte.
Nick Marten: Welchen Weg empfiehlst du Menschen, die bereits von Burnout betroffen sind, um ihren Zustand zu verbessern?
Dr. Hanne Horvath: Zuallererst sollte es darum gehen sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen und sich gut um sich zu kümmern. Dazu gehören die Basics wie ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, genügend Bewegung, aber auch regelmäßige Auszeiten. Wie ich diese gestalte, kann ganz unterschiedlich aussehen. Wichtig ist herauszufinden, welche Aktivitäten mir Kraft geben und davon erstmal mehr zu machen.
Nick Marten: Wie kann ich meinen Kolleg*innen helfen, wenn sie Burnout-Symptome zeigen?
Dr. Hanne Horvath: Das ist gar nicht so leicht und erfordert etwas Fingerspitzengefühl. Ich empfehle daher eine mitfühlende Beobachtung anzubieten, wie: “Mir ist aufgefallen, dass du in der letzten Zeit sehr viel arbeitest und dir wenige Pausen gönnst, wie geht es dir denn damit?”. Natürlich kann man auch konkret anbieten, etwas von der Arbeitslast abzunehmen, falls möglich. So fühlt sich der Kollege oder die Kollegin gesehen und unterstützt. Nur bitte nicht persönlich nehmen, falls Nachfragen und das Hilfsangebot abgeblockt werden. Es braucht einfach Mut zu erkennen, wenn man überlastet ist und noch mehr Mut, das gegenüber anderen auszusprechen.
Nick Marten: Wie wirksam sind aus deiner Sicht Methoden zur Stressbewältigung und welche Techniken sind besonders effektiv bei der Vorbeugung von Burnout?
Dr. Hanne Horvath: Alle Achtsamkeitsübungen sind effektiv, um Burnout vorzubeugen. Ich lerne dadurch, mich zu spüren. Nur so kann ich überhaupt merken, wie es mir eigentlich geht und was ich brauche. Ob ich lieber meditiere, Yoga praktiziere oder bewusste Atemübungen mache, spielt dann keine so große Rolle mehr. Wichtig aber ist es, wie ich mir darin begegne. Wenn die Achtsamkeitsübung einfach ein weiterer Punkt auf meiner To-Do Liste ist, den ich gehetzt erledige, werde ich nicht so sehr davon profitieren. Deshalb möchte ich gerne noch diese, vielleicht nicht ganz so klassische Stressbewältigungstechnik empfehlen: „Nein“ sagen. Ich glaube, wer das übt, beugt dem Burnout auch sehr effektiv vor.
Nick Marten: „Nein“ sagen – klingt einfach, ist es oftmals aber gar nicht.
Dr. Hanne Horvath: Der Schlüssel hierbei ist die Selbstreflexion Nur wenn ich weiß, welche persönliche Belastungsgrenze ich habe und sie ernst nehme, kann ich mich gut schützen. Manche Menschen können das sehr gut und haben damit keine Probleme, für andere ist das aus verschiedenen Gründen gar nicht so leicht. Das können wir aber alles lernen, beispielsweise im Rahmen eines Coachings oder einer Therapie. Je nachdem, wie groß der Leidensdruck schon ist, eignet sich das eine besser als das andere.
Nick Marten: Gibt es deiner Erfahrung nach Berufsgruppen oder Branchen, die besonders häufig vom Burnout betroffen sind?
Dr. Hanne Horvath: Arbeitnehmende in der Sozialverwaltung und -versicherung genauso wie Angestellte in der Heilerziehungspflege oder in der Sonder- und Sozialpädagogik lagen laut einer Studie der AOK im Jahr 2021 ganz vorne. Daran kann man gut ablesen, welche Faktoren das Risiko für einen Burnout erhöhen. Auf der einen Seite eine hohe Arbeitsbelastung durch Personalmangel, bei ständigem Zeitdruck. Auf der anderen Seite eine hohe emotionale Belastung. Hinzu kommt meistens noch eine ausgeprägte intrinsische Motivation, den eigenen Job gut zu machen. Neben den helfenden Berufen sind außerdem Lehrerinnen und Lehrer, Polizistinnen und Polizisten sowie Ärztinnen und Ärzte von einem erhöhten Risiko betroffen, an Burnout zu erkranken. Zusätzlich gibt es noch die Gruppe der Menschen in Führungspositionen. Daher hatte die Diagnose Burnout auch ihren populären Namen: “Managerkrankheit”. Aber das hat so nie gestimmt.
- Dr. Hanne Horvath, PsychologinMenschen müssen kein Unternehmen oder Teams leiten, um erschöpft zu sein.
Belastungsfaktor | Beispiele |
|---|---|
Arbeitsinhalt und Arbeitsaufgaben |
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Arbeitsorganisation |
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Soziale Kontakte |
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Arbeitsumgebung |
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Neue Arbeitsformen |
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Nick Marten: Häufig wird von der Work-Life-Balance als Lösungsansatz gesprochen. Gibt es die Work-Life-Balance wirklich?
Dr. Hanne Horvath: Ich würde sagen, es gibt Work-Life-Balance und sie hilft bei der Vorbeugung von Burnout, wenn mich mein “Life” nicht noch zusätzlich stresst. Denn es nützt ja gar nichts, wenn ich mich nach Feierabend einfach auf einem anderen Betätigungsfeld weiter verausgabe. Der Ausgleich ist wichtig, wie auch immer der individuell aussieht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, der Arbeit einen großen Stellenwert zuzuschreiben. Ich liebe meine Arbeit und wenn ich am Wochenende auch daran denke, ist das nicht unbedingt ein Risiko. Es kommt eben immer auf einen gesunden Ausgleich und Umgang an.

Dr. Hanne Horvath ist Mitgründerin von der Online-Therapie-Plattform HelloBetter. Sie schloss 2011 ihr Diplomstudium der Psychologie an der Universität Trier ab, bevor sie bis 2015 an der Leuphana Universität Lüneburg an ihrer Promotion arbeitete. Im Rahmen des GET.ON Forschungsprojektes fokussierte sich Dr. Horvath auf die Erstellung und Evaluation eines Onlineprogramms gegen Schlafstörungen. Für ihre Leistungen wurde sie mit dem Wilhelm Exner-Preis für Psychologie ausgezeichnet. Neben diversen Publikationen und der Entwicklung einer digitalen Anwendung gegen Schlafstörungen, konzentrierte sich Dr. Horvath als Gründerin und langjährige Geschäftsführerin auf den Aufbau der GET.ON Institut GmbH (heute unter dem Namen HelloBetter bekannt). Hierfür wurde sie von der Leuphana Universität mit einem Business Accelorator Stipendium ausgestattet. Zwischen 2013 und 2017 arbeitete Dr. Horvath arbeitete außerdem als freiberufliche Psychologin am Lüneburger Institut für Lerngesundheit, wo sie Workshops für Lehrerinnen und Lehrer hielt, um sie im Stressmanagement zu unterstützen.
Sei ehrlich und offen mit deinem Arbeitgeber über deine gesundheitliche Situation. Erkläre, dass du Symptome eines Burnouts hast und professionelle Hilfe in Anspruch nimmst. Bespreche mögliche Anpassungen deiner Arbeitsbelastung und Pausenregelungen, um deine Genesung zu unterstützen.
Arbeiten mit einem Burnout ist in der Regel nicht ratsam, da es die Symptome verschlimmern kann. Es ist wichtig, sich Zeit für Erholung und professionelle Hilfe zu nehmen.
Ein stiller Burnout ist ein Zustand, in dem die betroffene Person zwar erschöpft und gestresst ist, aber keine offensichtlichen Anzeichen oder Symptome zeigt. Diese Form des Burnouts kann schwer zu erkennen sein und erfordert oft eine sorgfältige Selbstbeobachtung und professionelle Unterstützung.
Die Dauer der Krankschreibung bei Burnout hängt vom individuellen Fall ab. Ein Hausarzt kann dich zunächst für einige Wochen krankschreiben, wobei die Dauer bei Bedarf verlängert werden kann, je nach Schwere der Symptome und dem Fortschritt der Genesung.
Ja, Ruhe ist ein wichtiger Bestandteil der Genesung bei Burnout. Es ist entscheidend, sich ausreichend Zeit zur Erholung zu nehmen und Stressfaktoren zu minimieren.
Die Vorstufe von Burnout ist oft chronischer Stress oder anhaltende Überlastung, die zu ständiger Erschöpfung, Schlafproblemen und einem Gefühl der Überforderung führen kann. Frühe Warnsignale sollten ernst genommen werden, um einem vollständigen Burnout vorzubeugen.
Burnout kann in jedem Alter auftreten, wobei es häufig bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter vorkommt, insbesondere bei denen, die hohem beruflichen oder persönlichen Stress ausgesetzt sind. Es kann jedoch auch jüngere oder ältere Menschen betreffen, je nach individuellen Lebensumständen und Stressfaktoren.
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