21. May 2026
Lesedauer: 6 Min.

Stepstone-Arbeitsmarktbriefing: Pro Anzeige hat sich das Bewerbungsinteresse von 2023 auf 2026 fast verdoppelt

Inhalt

  • Der deutsche Jobmarkt im Überblick
  • Stepstone-Plattformdaten
  • Branchen-Unterschiede: Bewerberinteresse
  • Warum Bewerbungsinteresse steigt
  • Was Recruiter*innen jetzt ändern sollten
  • FAQ
Hiring Trends Update 25-26

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Pro aktiver Stellenanzeige auf Stepstone haben Bewerbende zwischen Januar und April 2026 fast doppelt so oft auf „Jetzt bewerben“ geklickt wie noch im gleichen Zeitraum im Jahr 2023. Bemerkenswert ist diese Beobachtung vor dem Hintergrund der Marktlage, die in den amtlichen Statistiken eher gedämpft wirkt: Die Arbeitslosenquote lag im April 2026 unverändert bei 6,4 %, das IAB-Arbeitsmarktbarometer steht mit 99,4 Punkten unter der neutralen Marke. Was steckt hinter dieser Doppelbewegung – schwächelnder Markt, explodierendes Bewerbungsinteresse?

Marktkontext: Der deutsche Jobmarkt im Überblick

Für eine bessere Einordnung der Stepstone-Plattformdaten hilft ein Überblick der offiziellen Marktlage. Sie zeichnet das Bild eines schwächelnden Arbeitsmarkts:

  • Im April 2026 waren über 3 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet, 77.000 mehr als 2025.
  • Bei der Bundesagentur für Arbeit waren zuletzt etwa 641.000 offene Arbeitsstellen gemeldet – 5.000 weniger als im April des Vorjahres.

Zwischen 2023 und 2026 hat sich das Stellenangebot also verkleinert, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit gestiegen ist. Vor diesem Hintergrund liefern Stepstone-Plattformdaten zusätzliche Einblicke: Sie erfassen das Bewerbungsverhalten der Kandidat*innen – ein Verhaltenssignal, das in den offiziellen Statistiken nicht abgebildet wird.

Was die Stepstone-Plattformdaten zeigen

Die Kernkennziffer für diese Auswertung ist Klicks auf den Jetzt-Bewerben-Button mit Öffnung des Bewerbungsformulars. Hiermit wird die Bewerbungsabsicht erfasst. Um Tagesschwankungen zu glätten und über lange Zeiträume stabil zu vergleichen, verwenden wir den 30-Tage-Moving-Average dieser Größe pro durchschnittlich aktiver Anzeige. Der Vergleich der ersten vier Monate im Jahr 2023 und 2026 ergibt zwei Kernbeobachtungen:

  • Das Bewerbungsinteresse pro Anzeige hat sich von Januar bis April 2023 zu Januar bis April 2026 nahezu verdoppelt.
  • Das absolute Bewerbungsinteresse insgesamt stieg im selben Zeitraum um 38 %.

Beide Beobachtungen lassen sich nicht durch klassische Markterholung erklären: Sie entstehen in einem Markt, in dem das Stellenangebot real abnimmt. Pro durchschnittlich verfügbarer Anzeige treffen Recruiter*innen heute auf deutlich mehr Bewerbungsinteresse als noch vor drei Jahren, allerdings nicht automatisch auf mehr passende Kandidat*innen.

Branchen-Unterschiede: Wo das Bewerberinteresse pro Anzeige am stärksten steigt

Insgesamt hat sich Stepstone-Daten zufolge das Interesse an Bewerbungen also verdoppelt. Trotzdem gibt es branchenbedingt deutliche Unterschiede: Fast alle Branchen erhalten zwar mehr Bewerbungen pro Stellenanzeige, aber die Größenordnung unterscheidet sich erheblich.

Berufsfelder mit explodierendem Bewerbungsinteresse pro Anzeige

In wissensintensiven White-Collar-Berufen hat sich der Druck mehr als verdoppelt:

  • PR und Kommunikation: Bewerbungsinteresse pro Anzeige +205 %
  • Marketing: +182 %
  • Personalwesen / HR: +176 % Öffentlicher Sektor: +171 % IT: +168 % Wissenschaften: +126 % pro Anzeige

Berufsfelder mit moderatem Anstieg

In anderen Industrien fällt der Anstieg deutlich schwächer aus:
Handel (Retail): +47 % Design: +64 % Immobilien (Property): +77 % Pflege, Gesundheit und Bildung, also Branchen, in denen der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt ist, liegen mit Anstiegen zwischen 40 und 51 % im mittleren Bereich. 43 % der deutschen Unternehmen sehen sich sehr stark oder stark vom Fachkräftemangel betroffen. Selbst dort, wo der Fachkräftemangel besonders spürbar ist, hat sich das Bewerbungsinteresse pro Anzeige merklich erhöht.

Warum das Bewerbungsinteresse steigt

Aus arbeitsökonomischer Sicht treiben drei Faktoren den Anstieg:

Erstens: Der Zeitaufwand auf der Bewerber*innen-Seite ist durch KI deutlich gesunken. Wer 2023 noch dreißig Minuten in ein Anschreiben investierte, schreibt 2026 mit KI-Unterstützung mehrere maßgeschneiderte Bewerbungen in derselben Zeit. 39 % der Beschäftigten geben in der Stepstone-Befragung Herbst 2025 an, dass KI-gestützte Bewerbungsverfahren den Bewerbungsprozess für sie effizienter gemacht haben. Hinzu kommt, dass viele Arbeitgeber ihre Bewerbungsprozesse teils vereinfacht haben, etwa durch den Verzicht auf das Anschreiben.

Zweitens: Die Wechselbereitschaft im deutschen Markt ist generell hoch. 54 % der Beschäftigten suchen aktiv einen neuen Job. Diese hohe Verfügbarkeit von Kandidat*innen wirkt ebenfalls als verstärkender Faktor für die Nachfrage einer Anzeige.

Drittens: Die Marktlage selbst. Mit rückläufigen offenen Stellen und steigender Arbeitslosigkeit konzentriert sich Bewerbungsinteresse automatisch auf die verbleibenden offenen Positionen, besonders in wissensintensiven Bereichen, in denen sich das Angebot stärker verknappt.

Christina-Langer_portrait

Wenn sich das Bewerbungsinteresse pro Anzeige in drei Jahren fast verdoppelt, entsteht für Recruiting auch zusätzlicher Aufwand. Die operative Herausforderung im Recruiting verlagert sich von der Frage ‘genug Bewerbungen erhalten’ zur Frage ‘die richtigen Bewerbungen identifizieren’.

Dr. Christina Langer, Senior Economist, The Stepstone Group

Was Recruiter*innen jetzt ändern sollten

Aus Daten und Forschung ergeben sich vier Empfehlungen:

  1. Vorauswahl strukturieren, nicht beschleunigen. Mit nahezu verdoppeltem Bewerbungsaufkommen pro Anzeige wird eine strukturierte, kriterienbasierte Vorauswahl wichtiger als reine Geschwindigkeit. Klare Einstellungskriterien in der Anzeige reduzieren irrelevante Bewerbungen schon vor dem Eingang.
  2. Gehaltsangabe als Selbstselektions-Instrument. Eine präzise Gehaltsspanne hilft Kandidat*innen, ihre eigene Eignung einzuschätzen und reduziert nachweislich Bewerbungen mit weit auseinanderliegenden Erwartungen. Übrigens sind Arbeitgeber spätestens mit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzesentwurfs zum Entgelttransparenzgesetz verpflichtet, eine Gehaltsangabe so früh wie möglich im Bewerbungsprozess zu kommunizieren.
  3. Time-to-Reject senken, nicht nur Time-to-Hire. Schnellere Rückmeldungen entlasten den Markt und die eigene Arbeitgebermarke. In wissensintensiven Berufsfeldern mit stark erhöhtem Bewerbungsaufkommen ist das ein direkter Wettbewerbsvorteil.

FAQ

Heißt mehr Bewerbungsklicks auch mehr qualifizierte Bewerbungen?

Nicht zwangsläufig. Der geringere Arbeitsaufwand für Bewerbungen durch KI erhöht die Bewerbungsmenge stärker als die Bewerbungsqualität. Recruiter*innen sollten in steigenden Bewerbungsklicks deshalb zunächst eine operative Herausforderung sehen und erst nachgelagert ein Signal für den Erfolg ihrer Stellenanzeige.

Wie passt der Anstieg der Bewerbungsklicks zum amtlichen Stellenrückgang?

Die beiden Größen messen unterschiedliche Dinge. Die Bundesagentur für Arbeit erfasst gemeldete Stellen, also das Angebot. Bewerbungsklicks messen die Bewerbungsabsicht, also die Nachfrage nach offenen Positionen. In einem Markt mit schrumpfendem Angebot und einer hohen Wechselbereitschaft ist ein steigendes Bewerbungsinteresse pro Anzeige ökonomisch erwartbar.

Welche Branchen sind am stärksten betroffen?

Das Bewerbungsinteresse pro Anzeige hat sich besonders im wissensintensiven Bereich vervielfacht: PR (+205 %), Marketing (+182 %), HR (+176 %), öffentlicher Sektor (+171 %), IT (+168 %).

Was tun, wenn die Bewerbungsmenge die Vorauswahl überfordert?

Strukturierte Vorabprüfung, klare Kriterien und transparente Gehaltsangaben sind die drei wirksamsten Hebel. KI-gestütztes Vorscreening kann unterstützen, ersetzt aber kein klar definiertes Anforderungsprofil.