Stressauswirkungen verstehen

Der gefährlichste Irrtum hinsichtlich Stress ist, dass er einfach ein psychologisches Problem ist. Dabei hatte sich Stress ursprünglich, in grauer Vorzeit, als einer unser physischen Verteidigungsmechanismen herausgebildet. Die Warnsensoren, die einmal für das tägliche Überleben in einer bedrohlichen Umwelt gedacht waren, passen jedoch nicht mehr auf die Bedingungen der modernen Welt und des geregelten Arbeitslebens.

Das Phänomen Stress zu verstehen, und sich bewusst zu werden, wie es uns im Alltag beeinflusst, ist der erste Schritt zur Behandlung der durch ihn verursachten Probleme.

"Kampf- oder Fluchtreaktion"
Über Jahrtausende entwickelte der menschliche Körper verschiedene Verteidigungsmechanismen, eine davon als "Kampf-/Fluchtreaktion" bekannt: Der Adrenalinausstoß, der uns im Anblick der Gefahr in die Lage versetzt, Widerstand zu leisten oder um unser Leben zu laufen. Der Puls schnellt in die Höhe und wir atmen viel schneller. Die Speichelproduktion sinkt und verursacht Trockenheit im Mund. Die Muskeln spannen sich an, weil mehr Blut in sie gepumpt wird, während Darmtrakt und die anderen Verdauungsorgane mit weniger Blut versorgt werden. Dafür setzt die Leber zur Energiesteigerung mehr Cholesterin frei. Zwar werden die Sinne in Situationen einer drohenden Gefahr geschärft, doch um den Preis, dass der Körper vorübergehend völlig aus dem Gleichgewicht gerät.

"Gesunder" und "ungesunder" Stress
Das Problem ist, dass in der heutigen zivilisierten Gesellschaft unsere Körper bei Stresserlebnissen physisch nicht mehr aktiviert ist. Überschüssige Energie und zusätzliches Adrenalin, das wir ansammeln, ist nicht mehr wirkungsvoll abzubauen. Blut bleibt länger als gewöhnlich in unseren Muskeln konzentriert mit der Folge, dass von "normaler" Zirkulation abhängige Körperfunktionen wie Verdauungs- und Immunsystem beeinträchtigt werden.

Der Unterschied zwischen gesundem und ungesundem Stress besteht darin, dass ein Körper unter gesundem Stress zur Anpassung fähig ist und schnell in einen ausgeglichenen Zustand zurückkehrt. Über einen langen Zeitraum anhaltender Stress - ungesunder Stress - muss dagegen im Körper letztlich einen physischen Kollaps bewirken. Die Dauer von Stresssituationen und die individuelle Kondition sind deshalb die wichtigsten Determinanten für die jeweils verschiedenen Reaktionsweisen.

Depression ist die verbreitetste Reaktionsweise auf ungesunden Stress, es gibt aber noch viele andere Symptome: Haarausfall, schlechte Haut und hoher Blutdruck, bis hin zu einer niedrigeren Lebenserwartung. Was früher eine wichtige Funktion war, Gefahren zu begegnen, ist leider zu einer gesamtgesellschaftlichen Zivilisationskrankheit geworden.

Sind Sie Jekyll oder Hyde?
Alle unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen werden vom Stress beeinflusst. Im gestressten Zustand haben wir daher wenig Ähnlichkeit mit unserem nichtgestressten Selbst. Hier sind einige der Auswirkungen, die Stress auf Sie haben kann:

Gedanken: Im Normalzustand denken wir klar und vernünftig, wenn wir mit einer Herausforderung konfrontiert werden. Unter allzu viel äußerem und innerem, zeitlichem und psychischem Druck sind wir jedoch durcheinander und verheddern uns im Dickicht unserer eigenen Gedanken. Wir können sogar Entscheidungen treffen, die irgendwie gar nicht zu uns gehören und die wir im Nachhinein als falsch erkennen.

Gefühle: Ein entspanntes Wohlbefinden hat heilsame Auswirkungen auf unsere Arbeit und unsere Beziehungen. Dagegen verlieren wir als gestresster "Mr. Hyde" die Fähigkeit, den Alltag in positiver Grundstimmung anzugehen und das Leben zu genießen.

Verhalten: Häufig ist unser Verhalten ein Hinweis darauf, dass das Stressniveau ein ungesundes Maß erreicht hat. Wir distanzieren uns von anderen, werden misstrauisch und reizbar und machen unnötige Fehler.

Wenn Sie Glück haben, wird Sie jemand auf eine Änderung Ihres Verhaltens hinweisen. Sonst müssen sie ungesunden Stress selbst erkennen.

ILAB
 

 

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