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Seitenwechsel für die Persönlichkeitsentwicklung

Hilfe_Mann_Gehwagen

Ein Abteilungsleiter beantragt Harzt IV, ein Vorstands-Chef hilft Drogenabhängigen in der Suchtklinik, ein Geschäftsführer teilt Essen in der Bahnhofsmission aus. Alles Beispiele für Situationen, denen Führungskräfte im Programm Seitenwechsel begegnen können. Und das nicht ohne Hintergedanken, denn: Wer seine eigene Komfortzone verlässt, ist offen für die beruflichen Herausforderungen der Zukunft.

 

Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung gibt es viele, doch wohl kaum eines konfrontiert die Teilnehmer so intensiv mit eigenen Vorurteilen, Blockaden und Ängsten wie das Programm Seitenwechsel. Für eine Woche gehen sie aus ihrem beruflichen Alltag, um als "Praktikant" in sozialen Einrichtungen Einblicke in eine Welt abseits des üblichen Geschäftslebens zu erhalten. So landen sie als Beobachter im Jugendknast, im Krankenhaus oder im Wohnheim für geistig Behinderte. Doch welchen Zweck verfolgt dieser Rollentausch auf Zeit?

Vom Macher zum Beobachter

"Die teilnehmenden Führungskräfte arbeiten plötzlich mit fremden Menschen in schwierigen Situationen sowie mit deren Betreuern, in der Regel Psychologen und Pädagogen zusammen. Für die Zeit des Praktikum zählt nicht ihre eigene Funktion, denn in den Einrichtungen haben sie selber keine Führungsrolle mehr. Sie sollen nicht organisieren und leiten, sondern sich selber total zurücknehmen, zum aktiven Beobachter werden." erläutert Doris Tito, Programmleiterin von Seitenwechsel. Schon dieses "sich selber zurücknehmen" bereitet vielen Teilnehmern Probleme. Darüber hinaus müssen sie sich einer Reihe von negativen Gefühlen, Vorurteilen und Blockaden stellen, lernen zu erkennen, wie Menschen in schwierige Lebenssituationen kommen und auch warum sie nicht wieder alleine heraus finden. Sie werden aber auch mit bislang unbekannten oder vermiedenen Situationen konfrontiert: Ist es ekelig, mit spastisch Behinderten am Mittagstisch zu sitzen? Wie wird man von anderen angesehen, wenn man mit dem tätowierten Drogenabhängigen in der U-Bahn fährt? Was fühlt man, wenn man mit einem sterbenskranken Menschen im Hospiz redet? Die Teilnehmer von Seitenwechsel kommen nicht umhin, ihr persönliches Wertesystem zu überdenken und sich auch unangenehmen Fragen und Situationen zu stellen.

Konfrontation mit unbekannten Sitationen

Genau aus diesem Grund empfiehlt Frau Tito den Teilnehmern, sich in solche sozialen Einrichtungen zu begeben, die für sie besonders fremd sind, denn hier ist der Lerneffekt am Größten. Frau Tito begleitet die Führungskräfte durch das Programm und bereitet sie ausführlich auf ihren Einsatz vor. Im Vorfeld erhalten sie schriftliche Informationen zu den sozialen Einrichtungen, die ein Praktikum anbieten. Danach gibt es ein vorbereitendes Gespräch in dem die Teilnehmer nochmals auf bestimmte Dinge hingewiesen werden, die für die Auswahl ihres Projektes wichtig sind. "Ich sage den Teilnehmern immer, sie sollen in Bereiche gehen, mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Sie sollen sich überlegen, welches Bild sie z.B. von Obdachlosen oder Alkoholkranken haben, welche Gefühle sie beim Gedanken an Strafvollzug oder schwer erziehbaren Jugendlichen empfinden", so Tito.

Marktboerse_oben Danach lernen die Teilnehmer die sozialen Einrichtungen auf der sog. "Marktbörse" persönlich kennen. Hier stellen sich die teilnehmenden Institutionen vor und stehen Ansprechpartner für weitere Erläuterungen zur Verfügung. Diese Einzelgespräche liefern meist den endgültigen Impuls für die Entscheidung in welche Einrichtung ein Teilnehmer geht, denn niemand wird diesbezüglich verwiesen oder gezwungen, sondern sucht sich sein Projekt immer freiwillig aus. Überraschungen erlebt auch Frau Tito immer wieder: "Spätestens auf der Marktbörse erkennen die Teilnehmer, welche Chance sich ihnen bietet. Erst kürzlich hatte ich einen Bereichsleiter dabei, der auf keinen Fall in ein Hospiz wollte. Und doch ist er genau dort gelandet, weil er auf der Marktbörse einen jungen Pfleger kennen gelernt hat, dessen Motivation und Engagement ihn derart überzeugt hat, dass er unbedingt mehr erfahren wollte."

Neue Einblicke in die eigene Gefühlswelt

So profitieren die Teilnehmer nicht nur vom Einblick in Parallelwelten, die oft ganz nah liegen, aber dennoch in unserem Alltag gar nicht stattfinden, sondern auch von Einblicken in die eigene Gefühlswelt. Wie gehe ich mit Krankheit und Tod um? Welche Gefühle werden in mir ausgelöst - Abscheu, Unverständnis, Mitleid, Aggression? Was bin ich für ein Mensch - ein Macher, Beobachter, Problemverdränger? Eine Woche lang geht es nicht um Konzepte, sondern ausschließlich darum, sich mit Menschen zu befassen und möglichst viel mitzubekommen und das auf eine sehr intensive Weise.

Und der Effekt? Natürlich steckt auch hinter Seitenwechsel für die teilnehmenden Firmen eine ganz pragmatische Überlegung: "Wenn man Führungskräfte hat, dann muss man von denen auch verlangen, sich persönlich weiter zu entwickeln und sich neuen Dingen nicht zu verschließen." Frau Tito überzeugt die Unternehmen damit, dass diese ihren leitenden Angestellten ein Erlebnis bietet, das deren theoretischen Fundus sinnvoll untermauert. Sie geben ihnen die Möglichkeit, an sich zu arbeiten und öffnen sie für anstehende berufliche Herausforderungen und Probleme. Denn nur wer offen ist für seine Mitarbeiter und wer wieder gelernt hat, ihnen zuzuhören anstatt nur zu delegieren, kann diese auch in schweren Zeiten oder durch Veränderungen führen und motivieren. Viele Teilnehmer sind nach der Teilnahme an Seitenwechsel bereit, Mitarbeiter wieder aus bestimmten Schubladen herauszuholen und ihre Einstellung neu zu überdenken. Auch gehen sie aktiver an Probleme der Mitarbeiter heran. Die Zusammenarbeit wird menschlicher, klarer und aktiver.

Anderes Verhältnis zu den Mitarbeitern

Das zeigt sich auch in der gemeinsamen Diskussion, die Frau Tito nach dem Praktikum mit allen Teilnehmern führt und wo oft sehr emotional über die Erfahrungen gesprochen wird. Viele gestehen ein, dass sie unvoreingenommener zuhören sollten - überhaupt mal zuhören sollten. Sie haben den Willen, sich künftig besser auf ihr Gegenüber zu konzentrieren. Sie haben aber auch gelernt, dass klare Regeln, eindeutige Kommunikation und Konsequenz sehr wichtig sind. Einige sind auch härter geworden, weil sie erkannt haben "wenn ich zu weich bin, schade ich". Seitenwechsel ermöglicht eine Sensibilisierung für Mitmenschen und ungeahnte Situationen. Eigene Werte und Normen werden relativiert. Sie haben gelernt, andere Meinungen leichter zu akzeptieren, ihr Team "einfach mal machen zu lassen". Schließlich ist nicht das Wie entscheidend, sondern das Wohin. Auch die persönliche Beziehung zu den Mitarbeitern wird überdacht: Wie viel Nähe lasse ich zu? Was wissen meine Mitarbeiter von mir und was weiß ich von ihnen? Hilfe_Mann_Gehwagen

Dass viele Führungskräfte nach der Seitenwechsel-Erfahrung erklären, sie hätten auch nachhaltig ihre Einstellung im Alltag verändert, würden nun anders Zeitung lesen, anders auf den Obdachlosen in der U-Bahn reagieren und hätten einen veränderten Blick auf ihre Umwelt erhalten, ist ein positiver Nebeneffekt, der sich indirekt sicher auch im Berufsleben äußert.

Kontakt und weiterführende Informationen

Die Teilnahme am Programm Seitenwechsel ist für Führungskräfte aller Unternehmensbereiche und -branchen bundesweit möglich. Erfahrungsberichte und ausführliche Informationen gibt es unter www.seitenwechsel.com

© StepStone, 2009

 

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