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Viele Bewerbungen sind einfach schlecht!

Jürgen Hesse ist seit über 20 Jahren Karrierecoach und bildet zusammen mit Hans Christian Schrader das führende Autorenteam zum Thema Bewerbung.

Hesse erläutert im Interview die Frust-Spirale zwischen hohen Ansprüchen der Personaler und lieblosen Unterlagen der Bewerber.

Die Qualität von Bewerbungen lässt in den meisten Fällen sehr zu wünschen übrig - und zwar unabhängig von Alter, Erfahrung und Position des Bewerbers. Das führt zu immer mehr Frust auf beiden Seiten: Personaler mögen sich mit miesen Bewerbungen kaum noch befassen und die Jobsuchenden geraten sich in eine Spirale von immer mehr Absagen.

Herr Hesse, trotz schwieriger Lage auf dem Arbeitsmarkt klagen die Personaler zunehmend über miserable Qualität vieler Bewerbungen. Wie lässt sich das erklären?


Ja, das stimmt. Die Erfahrung habe ich gerade erst selbst gemacht. Als wir kürzlich einen neuen Mitarbeiter suchten, haben wir rund 300 Zuschriften erhalten. Von denen waren 50% bereits in ihrer äußeren Form so lieblos, dass man gar nicht hineinschauen wollte. Nur 10% der eingegangenen Bewerbungen würde ich als sehr gut bezeichnen.

Ich habe dafür verschiedene Erklärungen. Zum einen ist man immer ein schlechter Anwalt in eigener Sache. Das liegt zum großen Teil schon in unserer Erziehung in der man lernt, dass 'Eigenlob stinkt'. Offenbar fällt es vielen Menschen schwer, sich angemessen zu präsentieren. Und diese psychische Barriere findet man bei allen Bewerbern, selbst bei sehr guten Leuten, die andere gut einschätzen können und sehr gute professionelle Arbeit leisten. Auch hier sind Bewerbungen leider oft unterdurchschnittlich.

Zum anderen gibt es in unserer Gesellschaft einen allgemeinen Trend, alles schnell zu erledigen, möglichst noch auf vorgefertigte Dinge zurück zu greifen, nicht mehr alles selbst zu machen. Das gilt für die Tütensuppe ebenso wie für die Bewerbung. Man eignet sich kein Detailwissen mehr an und brütet stundenlang über den richtigen Formulierungen. Die Menschen haben regelrecht verlernt, sich in ein Thema zu vertiefen, sich richtig 'reinzuknien'. Da wird lieber schnell etwas runtergeschrieben, das wird dann schon irgendwie passen. Diese Einstellung hat nichts mit der Intelligenz der Menschen zu tun: Es ist das fehlende Bewusstsein, dass man für manche Dinge nach wie vor viel Zeit und Mühe aufwenden sollte.

Ist es nicht auch der Frust des Bewerbungsprozesses, der viele Jobsuchende so nachlässig werden lässt?

Ja sicher, der Frust ist eine zusätzliche Komponente. Immerhin bietet man sich selber an und wird mitunter abgelehnt. Damit umzugehen fällt vielen nicht leicht. Einige Bewerber lernen durch Absagen viel dazu. Sie analysieren die Situation und machen es beim nächsten mal besser. Die meisten tendieren jedoch dazu, nach einer Absage abzurutschen. Sie werden lustlos und machen notwendige Dinge nur noch pro forma. Entsprechend schlecht sind deren Bewerbungen - und damit das Ergebnis.

Viele Personaler beschweren sich über die schlechte Qualität der Bewerbungen. Liegt das daran, dass sie zu hohe Ansprüche stellen?

Das kommt darauf an. Manche begehrte Unternehmen haben schon sehr hohe Ansprüche. Sie suchen die sog. "Eier legende Wollmilchsau" also möglichst den jungen dynamischen End-Zwanziger mit zehn Jahren Berufserfahrung und Prädikatsexamen. Um hier nicht direkt durch die Bewerbungsfilter zu fallen und eine automatische Absage zu erhalten, muss man sich schon etwas besonderes einfallen lassen. Bewerber können solche Hürden nur überwinden, wenn sie einsehen, dass sie Verkäufer in eigener Sache sind. Schauen Sie sich an, wie es die Unternehmen auf dem Konsummarkt, z.B. für Waschmittel machen. Da ist auf den ersten Blick jedes Waschmittel gleich, doch die Firmen lassen sich eine Menge einfallen, damit der Kunde ihr Produkt kauft. Ebenso muss man es mit seiner Arbeitskraft tun: Um sie an den Mann zu bringen, muss man auch mal standardisierte Wege verlassen und mit Originalität und Kreativität versuchen, die Personalabteilungen - oder auch die Fachabteilung direkt - zu überzeugen.

Welchen Fehler darf man als Bewerber auf keinen Fall machen?

Da gibt es mehrere Dinge, die man beachten muss. Ganz wichtig ist das eben angesprochene Bewusstsein für die Wichtigkeit der Sache. Nach Gesundheit und Liebe ist Arbeit das wichtigste Thema in unserem Leben. Es ist traurig, dass gerade hier so laienhaft vorgegangen wird. Man muss die Wichtigkeit der Sache erkennen und ihr die angemessene Aufmerksamkeit widmen. Das heißt, jede Bewerbung sorgfältig vorbereiten und individuell auf das Unternehmen abstimmen. Bewerbungen aus Ratgebern abzuschreiben, hilft nicht weiter und Sie können sicher sein, dass jeder Personaler sofort merkt, wenn er es mit einer 'Standard-Bewerbung' zu tun hat.

Ebenso wichtig ist die notwendige Selbstvermarktung. Seien Sie Unternehmer in eigener Sache, Ihr Produkt sind Sie und Ihre Arbeitskraft. Die Zeiten in denen der Chef einem sagte, was man zu tun hat, sind vorbei. Sie kennen Ihre Qualifikationen am besten, sagen Sie also konkret, was Sie gut können, in welchem Bereich Sie ein Unternehmen tatkräftig unterstützen können. Sich selbst gut zu verkaufen ist nicht verwerflich, sondern spricht für ein gesundes Selbstbewusstsein und wird von den Personalverantwortlichen auch erwartet.

Und schließlich: Unterschätzen Sie nicht den emotionalen Moment der Bewerbung. Auch Personaler sind nur Menschen und somit entscheidet auch der Sympathiefaktor über Ihre Chancen. Verscherzen Sie sich Ihre Sympathien nicht durch eine schluderige Mappe oder ein schlecht gemachtes Bewerbungsbild. Ihr Foto ist meist das erste, was ein Personaler sich ansieht, es soll auf die Person neugierig machen und nicht abschrecken. Ein professionelles Foto ist also sehr wichtig. Machen Sie am besten mehrere Aufnahmen und zeigen Sie diese im Bekanntenkreis herum. Fragen Sie Ihre Freunde, ob Sie auf dem Bild wie der engagierte und zuverlässige Mitarbeiter wirken, der Sie sein wollen.

Wird es bald wieder bessere Bewerbungen geben?

Das muss es, denn die Lage für Jobsuchende wird sich in den kommenden Jahren nicht erheblich entspannen. Wir müssen uns damit abfinden, dass es das Berufsleben, wie es unsere Eltern noch kannten, die 50 Jahre im gleichen Unternehmen verbrachten, nicht mehr gibt. In der Zukunft wird es verschiedene Arbeits- und Arbeitszeitmodelle geben und bezahlte Arbeit zu haben wird für viele ein rares Gut bleiben. Zudem sinkt die Bereitschaft vieler Unternehmen, neue Leute auszuprobieren. Man macht die Arbeit lieber mit dem vorhandenen Team mit vielen Überstunden, als einen neuen Mitarbeiter einzustellen. Jobsuchende müssen also lernen, sich immer wieder gut zu vermarkten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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