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Selbstbehauptung lernen: Argumentieren aus der schwächeren Position

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Angenommen, Sie als Profiboxer sollen mit jemand kämpfen, der größer und stärker, vielleicht auch noch erfahrener ist als Sie. Haben Sie trotzdem eine Chance? Selbstverständlich, wenn Sie die Nerven behalten und kühl analysieren, wo der Gegner angreifbar und verletzlich ist und worin Ihre Stärken liegen. Schließlich hat auch David Goliath besiegt.

Doch oft geht es in Gesprächen gar nicht um Siegen oder Verlieren. Denn, wenn sich Ihr Chef oder ein Kunde mit Ihnen anlegt, sollten Sie dann siegen? Sicher, es würde Spaß machen, dem unverschämten Kunden oder dem zynischen Chef mal so richtig die Meinung zu sagen, bis diese mundtot sind. Doch werden Sie feststellen: Der Spaß ist kurz, die Reu ist lang. Letztlich siegt nämlich der, der über die Macht und nicht die schlagfertigere Antwort, das bessere Argument oder Fakten verfügt. Sollten Sie deshalb in solchen Situationen klein beigeben und verlieren? Nein, das ist nicht die richtige Alternative. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die es Ihnen erlaubt, das Gesicht zu wahren und eine Eskalation zu verhindern. Diese Methode heißt Selbstbehauptung. Mit Selbstbehauptung zeigen Sie dem anderen seine Grenzen auf, und Sie fühlen sich gut.

  • Selbstbehauptung ist die richtige Strategie
  • Überhören als elegante Methode mit Provokationen umzugehen
  • Warum fällt es so schwer, sich bei persönlichen Angriffen selbst zu behaupten und nicht zurückzuschlagen?
  • Selbstbehauptung als richtige Methode

Selbstbehauptung ist die richtige Strategie

Um zu verdeutlichen, was mit Selbstbehauptung gemeint ist, ein Beispiel: Ein Kunde ruft empört aus: "Bei diesem mickrigen Angebot sollten Sie rot werden vor Scham!" Es würde Ihrem Ego vermutlich gut tun, wenn Sie jetzt grinsen und frech erwidern würden: "Und warum nicht grün werden?" Doch hätte Sie diese schlagfertige Antwort in der Sache weitergebracht? Nein. Vermutlich hätte der Kunde nun die Machtfrage gestellt und geantwortet: "Jetzt werden Sie mal nicht unverschämt!" Deshalb wäre es besser gewesen, sich selbst zu behaupten und ruhig zu antworten: "Ich bedaure, dass es auf Sie so wirkt." - Kurze Pause - "Was stellen Sie sich denn vor?"

Oder was ist, wenn Ihr Chef bei einem Fehler, der Ihnen unterlaufen ist, provozierend sagt: "Also, Sie sollten wirklich mal einen IQ-Test machen!" Da ist es sicher schlagfertig zu kontern: "Gern, wenn Sie mitmachen!" Doch wie hätte der Chef reagiert? Vermutlich hätte er ebenfalls die Machtfrage gestellt: "Also, wer ist denn hier der Boss? Sie oder ich?" Und spätestens jetzt wären Sie ruhig gewesen, wenn Sie Ihren Job hätten behalten wollen.

Wie könnte nun eine selbstbehauptende und souveräne Replik lauten? Eine mögliche Antwort könnte sein:"Ihre Reaktion überrascht mich." Um dann so lange zu schweigen, bis der andere wieder etwas sagt. Ihr Schweigen gibt dem anderen nämlich die Chance, einen Rückzieher zu machen und vielleicht zu sagen: "Na ja, so habe ich das nicht gemeint. Aber es hat mich wirklich geärgert, dass Ihnen dieser Fehler passiert ist" Darauf hätte Ihre Reaktion sein können: "Stimmt, mich hat es auch geärgert."

Ein drittes Beispiel. Der Kunde verhöhnt Sie: "Das können Sie Ihrem Friseur erzählen!" Vielleicht würden Sie jetzt gern sagen: "Der hört mir wenigstens zu!" Doch auch hier ist die Frage, was hätte Ihnen dieser "Sieg" genützt? Vermutlich wäre das Gespräch eskaliert und Sie wären den Kunden losgeworden. Wenn Sie ihn hätten behalten wollen, wäre dies - wenn überhaupt - nur mit einer Entschuldigung möglich. Damit hätten Sie sich allerdings in eine unterlegene Position gebracht, und das muss nicht sein. Deshalb reagieren Sie lieber mit einer selbstbehauptenden Äußerung, etwa indem Sie sich "dumm" stellen und mit einem etwas irritierten Blick fragen: "Wie bitte?" Oder: "Was konkret meinen Sie?" Und dann schweigen in der Hoffnung, dass die andere Person merkt, dass Sie mit dieser Äußerung zu weit gegangen ist und sie zurücknimmt oder sich entschuldigt.

Zwischenfazit

Wenn Sie also jemand im Gespräch provoziert, der in einer stärkeren Position ist als Sie, dann sollten Sie nicht schlagfertig reagieren, weil dadurch die Situation eskalieren könnte, sondern Sie sollten sich selbst behaupten. Mit einer selbstbehauptenden Äußerung haben Sie nämlich die Chance, dass die Sie provozierende Person einen Rückzieher macht und Sie wieder auf der Sachebene kommunizieren können.


Überhören als elegante Methode, mit Provokationen umzugehen

Eine weitere Möglichkeit, mit Provokationen umzugehen, ist das Überhören, gemäß dem Motto: "Was juckt es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt." Das wirkt sehr souverän, und selbst, wenn Sie ob dieser verbalen Attacke sprachlos sind, steht Ihnen dies nicht auf der Stirn geschrieben. Wenn Sie nicht reagieren, denkt der andere vielleicht, dass Sie es ablehnen, sich auf diesem Niveau mit ihm auseinander zu setzen und unterlässt solche verbalen Angriffe zukünftig.

Warum fällt es so schwer, sich bei persönlichen Angriffen selbst zu behaupten und nicht zurückzuschlagen?

In Situationen, in denen man angegriffen wird oder sich angegriffen fühlt, wird das Stammhirn zusammen mit dem limbischen System (auch Zwischenhirn genannt) aktiviert. Dank der Stresshormone, die nun ausgeschüttet werden, - unter ihnen das bekannte Adrenalin - wird man blitzschnell für eine körperliche Reaktion fit gemacht: Flucht oder Kampf. Dieses Alarmprogramm springt unabhängig davon an, ob man mit Worten verletzt wurde oder ob jemand versucht hatte, handgreiflich zu werden. Doch genau das ist das Problem. Dieses Programm ist nämlich seit der Urzeit der Menschheit für eine körperliche und nicht für eine verbale Reaktion ausgelegt. Denn das Großhirn mit seinem logischen Denkvermögen wird in solchen Situationen partiell ausgeschaltet. Sie befinden sich damit bildlich gesprochen im "hormonellen Nebel". Es kommt zu Blackouts, oder Sie schlagen auf dem gleichen, meist niedrigen Niveau zurück.

Wenn Sie diesen Ablauf kennen, können Sie lernen, damit umzugehen. Deshalb versuchen Sie in Zukunft nicht, schlagfertig zu reagieren, sondern souverän. Souverän können Sie jedoch erst reagieren, wenn Sie sich nicht mehr im "hormonellen Nebel" befinden. Deshalb lautet die erste Regel bei verbalen Attacken: Zeit gewinnen, Zeit gewinnen und noch mal Zeit gewinnen. Solange, bis Sie merken, dass Sie wieder klar denken können. Niemand sollte Sie zwingen, sofort zu reagieren. Also: erst innerlich bis 10 zählen und dann etwas sagen.


Selbstbehauptung als richtige Methode

Die Reaktion, die dann am schnellsten wieder zur Sachebene zurückführt, ist die Selbstbehauptung. Der große Vorteil einer selbstbehauptenden Äußerung ist: Sie schlagen nicht zurück, geben auch nicht klein bei, sondern zeigen dem anderen, dass Sie dem Angriff standhalten, zurück zur Sache wollen und Sie sich nicht provozieren lassen. Denn wie ein chinesisches Sprichwort sagt: "Der, der uns ärgert, beherrscht uns." Deshalb reagieren Sie in Zukunft erst dann, wenn Sie es für angebracht halten und nicht in dem Moment, in dem die andere Person Sie provoziert hat.

Suchen Sie also in solchen Situationen nicht nach einer schlagfertigen Antwort, sondern prägen Sie sich die folgenden Selbstbehauptungsformulierungen ein, mit denen Sie Zeit gewinnen und die auf Ihren Gesprächspartner souverän wirken:

1. "Was konkret meinen Sie?"
2. "Was hat das mit dem Thema zu tun?"
3. "Mag sein, dass es auf Sie so wirkt...."
4. "Bitte fair bleiben!"


Damit diese Formulierungen die Gesprächsatmosphäre auch wirklich entspannen, müssen Körpersprache und Tonfall dies unterstreichen. Ist dies nicht der Fall, nimmt Ihr Gesprächspartner die Aussage wohlmöglich falsch wahr. Lächeln Sie bei den obigen Äußerungen, wird er sie als Ironie interpretieren, wirken Sie vom Tonfall und der Körpersprache schüchtern, wird er Sie für unsicher halten. Deshalb ist wichtig, dass Ihre Stimme fest und bestimmt klingt. Bei der Körpersprache sollten Sie darauf achten, dass Sie guten Blickkontakt zu Ihrem Gegenüber haben und Ihren Kopf gerade halten. So strahlen Sie Selbstsicherheit aus. Üben Sie die obigen selbstbehauptenden Äußerungen laut, damit Betonung und Körpersprache mit den Worten übereinstimmen.

Fazit

Wenn Sie also mal wieder in einem Gespräch provoziert werden, wenden Sie diese vier Formulierungen an, und Sie werden feststellen, dass Sie bei 90 Prozent der Provokationen souverän wirken. Damit verhindern Sie eine Eskalation und haben eine gute Chance, das Gespräch wieder in sachliche Bahnen zu lenken. Denn letztendlich sollte es Ihnen darum gehen, im Gespräch mit Kompetenz zu überzeugen und nicht darum zu siegen.

gudrunfey_000

Zur Person:
Dr. Gudrun Fey hat Philosophie, Linguistik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Seit vielen Jahren führt sie erfolgreich Rhetorik- und Kommunikationsseminare für Mitarbeiter und Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung durch. Seit 1997 ist sie Geschäftsführerin von study & train, Gesellschaft für Weiterbildung mbH, in Stuttgart.
www.study-train.de

Mehr Tipps zum Thema Selbstbehauptung finden Sie in ihrem Ratgeber "Gelassenheit siegt! Mit Vorwürfen und Angriffen souverän umgehen", der im WALHALLA Fachverlag erschienen ist (ISBN 3-8029-4525-5, EUR 9,95 [D]). In der Reihe WALHALLA Selbstmanagement liegen zudem ihre Ratgeber "Reden macht Leute!" (3-8029-3395-8, 9,95 EUR [D]), "Kontakte knüpfen und beruflich nutzen" (ISBN 3-8029-4613-8, 9,95 EUR [D]) sowie "Selbstsicher reden - selbstbewusst handeln", ein Rhetorik-Ratgeb
er für Frauen (ISBN 3-8029-4533-6, 9,95 EUR [D]) vor.

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