"Finden Sie nicht auch, dass Sie für diese Position viel zu unerfahren sind, ohne ausreichende Kompetenz?" Dieser Satz hat Sie im letzten Vorstellungsgespräch völlig aus der Fassung gebracht. Und während Sie noch nach Luft schnappten, kam schon die nächste Attacke: "Mit dieser Frisur und in diesem Kostüm können wir Sie natürlich nicht auf unsere Kunden los lassen. Wie haben Sie sich das gedacht?" Ohne es zu wissen, sind Sie Opfer einer ganz besonderen gesprächspsychologischen Taktik geworden: dem Stress-Interview.
Diese Art der Gesprächsführung per Kreuzverhör ist zwar nicht die Regel, erfreut sich aber bei einigen Personalern steigender Beliebtheit. Auch im Rahmen eines Assessment Center müssen viele Bewerber die verbalen Attacken über sich ergehen lassen. Zugegeben: Angenehm ist diese Situation nie. Aber: Mit ein paar Tricks lässt sich dem Gegenüber durchaus der Wind aus den Segeln nehmen.
Ins Kreuzfeuer der unangenehmen Fragen geraten Sie nur aus einem Grund: Der Personaler möchte Ihr Selbstvertrauen erschüttern und herausfinden, wie Sie auf äußeren Druck reagieren. Er konfrontiert Sie mit einer Reihe von unangenehmen und unerwarteten Fragen. Besonders wirkungsvoll ist eine Mischung aus Beschuldigungen, Sarkasmus, Ironie und hin und wieder einem Kompliment. Oft fehlt bei diesen Attacken jeder inhaltliche Bezug zum potenziellen neuen Arbeitsplatz.
Eine kurze "Anwärmphase" schafft eine entspannte Atmosphäre und die Bereitschaft, sich dem interviewenden Gesprächspartner zu öffnen. Dann beginnt der Kampf: Ihr Gegenüber beginnt, Sie massiv unter Druck zu setzen. Der Gong zur ersten Runde ertönt: "Geschönt" oder noch krasser "erstunken und erlogen" nennt Ihr Gegenüber Ihre gesamten Angaben in Ihren Bewerbungsunterlagen. Oder: "Ich habe den deutlichen Eindruck gewonnen, dass man in Ihrer Abteilung recht froh wäre, wenn Sie die Firma verlassen würden." Klar: Diese Fragen dienen nur der Provokation. Sie sollen Sie zum Äußersten bringen. Halten Sie sich das vor Augen, dann können Sie entsprechend gelassen und defensiv reagieren.
Generell gilt für Ihre Reaktion: Bloß nicht zu heftig. Bleiben Sie sachlich und warten Sie ab. Sie haben es nicht nötig, aus der Luft gegriffene Behauptungen und Anschuldigungen zu kommentieren. Versuchen Sie einfach, alle Fragen so knapp wie möglich zu beantworten. "Das ist Ihr subjektiver Eindruck. Ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen. Ich sehe das anders." Oder: "Ich teile Ihre Einschätzung bezüglich meiner Erfahrung im Umgang mit konkreten Problemen nicht, und was den Arbeitsplatz betrifft, traue ich es mir sehr wohl zu, die anstehenden Probleme erfolgreich zu lösen." Wirken Sie nicht hilflos gegenüber den verbalen An- und Übergriffen! Besonders, wenn es zu persönlich wird, ist es schwer zu ertragen, sich nicht zu rechtfertigen.
Überschreitet der Interviewer die Grenzen des allzu Persönlichen, sollten Sie sich Frechheiten, Unterstellungen etc. von Ihrem Gegenüber in relativ höflicher Form verbitten. Vergessen Sie nicht: Es ist ab einem bestimmten Zeitpunkt notwendig, angemessen aggressiv zu reagieren. So zeigen Sie, dass Sie in der Lage sind, sich abzugrenzen. Denn: Lassen Sie alles widerspruchslos mit sich machen, bekommen Sie dafür keinesfalls Pluspunkte. Schließlich testet das Stress-Interview nicht zuletzt Ihr Durchsetzungsvermögen!
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Sie haben die Verbal-Attacken glücklich überstanden? Unter Umständen verlieren Sie aber in dieser Situation Ihre Fassung: Ihr Gegenüber verfällt in langes, ausdauerndes Schweigen. Sie geraten dadurch in Zugzwang, reden unter Umständen zu viel und geben all zu viel von sich preis. Der Personaler testet mit dieser Passiv-Taktik besonders Ihr körpersprachliches Verhalten in Stress-Situationen. Jetzt bloß nicht unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen. Oder die Hände im Schoss verkrampfen. Warten Sie einfach ab. Kleine Gesprächspausen sind kein Problem. Und halten Sie ruhig auch während dieser Pause angemessenen Blickkontakt.